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Verleihung des Zdravko-Grebo-Preises

8. december

Klub 1, Sarajevo

Zdravko Grebo Wie konnte Thomas Mann den Faschismus erkennen, und Heidegger konnte es nicht? Wie konnte er von Carl Schmitt nicht erkannt werden, aber von Willy Brandt? Worum handelt es sich denn? Das ist ein Enigma, und es ist das, worüber wir die ganze Zeit sprechen. Natürlich denke ich nicht, dass wir weltweit die besten Menschen seien, doch ist es eine Frage der eigenen Auswahl: Was möchte man machen? Das, was hierbei villeicht wichtig zu betonen wäre, ist, dass es zum Unterschied zu manchen Gamins und Spitzbuben, die daraus ihren eigenen Nutzen ziehen wollen, Menschen gibt, die davon überhaupt keinen unmittelbaren Vorteil haben, die aber glauben. Die glauben an die Idee, ich weiß aber nicht welche – die Idee der Nation, des tausendjährigen staatsbildenden kroatischen Traums oder des Serbentraumes, das Himmelvolk zu sein, oder, zum ersten Mal die Idee der Entstehung eines muslimischen Staates? Sie sind einfach Missionare, und solche sind am gefährlichsten. Und Viele wissen es hier.

— Zdravko Grebo

 

Der Zdravko-Grebo-Preis wird an Dragan Markovina für das Essay „Ist es möglich, entgegengesetzte Kollektivgedächtnisse zu reunieren?“ aus dem Buch „Libanon an der Neretva: Gedächtnis- und Vergessenskultur“ verliehen. Das Buch des hervorragenden Geschichtsforschers, Politologen und Kolumnisten erschien in seiner Heimatstadt Mostar in Koproduktion des Centar za kritičko mišljenje und des Portals Tačno.net.

„Libanon an der Neretva“ fasziniert mit der, vom Autor kennerisch bei der Darstellung der neueren und älteren Geschichte von Mostar verwendeten, konzentrierten Analytik und der Kraft seiner Argumentation. Durch seine intellektuelle Rechtschaffenheit und ethische
Erhabenheit bietet Markovina zum ersten Mal in unserer Publizistik eine Lösung, wie unsere Hassgefühle ein Ende nehmen können, an.

Das Essay „Ist es möglich, entgegengesetzte Kollektivgedächtnisse zu reunieren?” bietet uns dar, wie wir unsere Traumata und Konflikte mit den außer Frage stehenden Werten des Antifaschismus und der Solidarität miteinander vereinbaren können. Markovina schreibt scharf und kritisch, mit viel emotionaler Ausdrucksstärke und spiegelt mit seiner Schreibweise das Schicksal seiner Heimatstadt wider. Es ist Zeit, das Gemeingefühl der Resignation, des Verlustes und der Trauer durch Politiken des Friedens und der Hoffnung genesen zu lassen. Dieses Gefühl der Hoffnung und die versöhnungsbringende Vision der Stadt, die sich erholt hat, strömt auf den Leser über und bleibt dort haften.

Die Jury, bestehend aus Ognjenka Finci, Haris Pašović und Dino Mustafić, hat Dragan Markovina den Zdravko-Grebo-Autorenpreis einstimmig zuerkannt.